Jörg Wollenberg:

Walter Fabian - Brückenbauer der Linken (2)

 

Unangepasst und ungebrochen auch im Exil

Der Sozialist, Pazifist und Jude Walter Fabian gehörte nach der Machteroberung der Nazis zu den Gefährdeten und Gejagten. Gleich nach dem Reichstagsbrand 1933 tauchte er unter und organisierte den Widerstand gegen die NS-Diktatur. Als Mitglied der Reichsleitung der SAPD lebte er zwei Jahre im Untergrund, zuerst in Breslau, dann in Berlin. 1935 entging er nur knapp einer Verhaftung und flüchtete daraufhin über Prag nach Paris. Als Mitarbeiter der Auslandszentrale der SAPD kritisierte er den "selbstmörderischen Aktionsdrang" der SAP-Leitung, die von einem baldigen Ende des deutschen Faschismus ausging. Vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen in Deutschland rechnete er dagegen mit einer langen Dauer der NS-Diktatur. Aus seiner Sicht galt es, sich darauf einzustellen und über die Zustände in Deutschland zu informieren.

Der in der Atmosphäre einer liberalen jüdischen Familie in Berlin aufgewachsene, "mit sanfter Beharrlichkeit" (Elke Suhr) ausgestattete und dennoch streitbare Repräsentant der unabhängigen deutschen Linken wehrte sich auch im Widerstand und in der Emigration gegen jedwede Vereinnahmungsversuche. "Der Stärkste ist immer am glücklichsten allein", vertraute er am 24. Januar 1944 seinem Tagebuch an. Diese Haltung dokumentieren auch die 1992 von Anne - Marie Fabian und Detlef Hensche im Frankfurter dipa-Verlag vorgelegten Aufsätze zur Politik, Pädagogik, Kultur, Literatur und Musik aus den Jahren von 1923 bis 1991. Leider geben sie keine Auskunft über die zentrale Stellung, die Walter Fabian in der SAPD-Auslandsleitung wahrgenommen hat. Denn gerne würden wir mehr Kenntnisse über den Rollenkonflikt Fabians gewinnen, den er in der Auslandsleitung zwischen 1935 und 1937 durchlebte.

Fabian zählte unter dem Decknamen Kurt Sachs im Februar 1936 zu den Protagonisten einer antifaschistischen Einheitsfront, die den programmatischen Aufruf des "Ausschusses zur Vorbereitung einer deutschen Volksfront" - "Bildet die Deutsche Volksfront! Für Frieden, Freiheit und Brot!"- verfassten. Warum wurde er Mitglied des "engeren Ausschusses", des provisorischen Vorstands im "Lutetia-Kreis", dem neben Willi Münzenberg und Herbert Wehner für die KPD, Max Braun und Georg Decker für die SPD, zunächst noch Leopold Schwarzschild und Georg Bernhard (Bürgerliche) wie auch Kurt Glaser für die Revolutionären Sozialisten Deutschlands (RSD) angehörten, obwohl Fabian als Befürworter der Einheitsfront der Volksfrontidee doch ablehnend gegenüber stand und im Frühjahr 1936 eine Oppositionsgruppe innerhalb der SAP-Auslandsleitung aufbaute (Bauer-Sachs-Opposition)? Warum ließ er sich im Juli 1936 durch Jacob Walcher (Schwab) vertreten, den wiederum Paul Frölich, sein enger Vertrauter, beriet? Weshalb beteiligte sich Fabian anschließend nicht an den Kontakten der SAPD-Auslandsleitung zur POUM, der antistalinistischen "Arbeiterpartei der marxistischen Einigung" und überließ die Aufgabe, Einfluss auf die Fronten im Spanischen Bürgerkrieg zu gewinnen, Willy Brandt, der die sowjetische Politik in seinem Bericht vor der Auslandsleitung in Paris Anfang Juli 1937 noch verteidigte und zur Walcher-Gruppe zählte? Brandt wurde anschließend allerdings durch den Fabian-Freund Peter Blachstein ersetzt.

Auf jeden Fall kulminierten die unterschiedlichen Einschätzungen zur Politik Stalins und zu den Moskauer Prozessen schon im Februar 1937 in dem Ausschluss der Gruppe Fabian-Ackerknecht aus der SAPD (mit 29 gegen 27 Stimmen). Fabian ist von diesem Zeitpunkt an nie wieder Mitglied einer politischen Partei geworden. Der Ausgeschlossene gründete im März 1937 die Gruppe "Neuer Weg". Ins Abseits gedrängt, entfaltete Fabian eine rege publizistische Tätigkeit und übernahm die Leitung des Pariser "Bureau de documentation", eines Zeitungsausschnittbüros, das er 1935 mit seiner zweiten Frau Ruth, geborene Loewenthal, ins Leben gerufen hatte. Nach Kriegsausbruch wurde er mit der Mehrheit der antifaschistischen Emigranten interniert und kam nach Marolles, einem verfallenen Dorf in der Nähe von Blois.

In der Bedrängnis eines französischen Internierungslagers beschäftigte Fabian sich mit dem ersten Roman des damals noch unbekannten Jean-Paul Sartre (La Nauseé/Der Ekel) und verfasste weiter Artikel für Schweizer Zeitungen. Ende 1939 gelang es ihm, nach Nordafrika zu fliehen. Der damals prominente Antifaschist mußte gegen seinen Willen der einzigen Überlebensperspektive folgen, die ihm seine schwangere Frau Ruth vermittelte: Der Pazifist diente als "feindlicher Ausländer" in der Fremdenlegion, während 25.000 deutsche und österreichische Flüchtlinge - darunter viele Freunde wie Friedmann und Heymann - nach dem Waffenstillstand von 1940 in die Internierungs- und Arbeitslager der Vichy-Regierung deportiert wurden: Le Vernet, Gurs und Le Milles gehören zu den bekanntesten.

Walter Fabian wurde nach seiner Rückkehr aus Algerien ab Dezember 1940 Zeuge dieser Ereignisse. Er floh mit seiner Familie ins unbesetzte Frankreich und siedelte in unmittelbarer Nähe des Lagers "Les Milles" in Aix en Provence an. Darüber informiert eine bislang unzugängliche Quelle: die unveröffentlichten Tagebuchnotizen von Walter Fabian, die sich im Besitz der am 8. März 1940 in Paris geborenen Tochter Annette Antignac befinden. Sie setzen am 8. Dezember 1940 in Marseille nach der Rückkehr aus Afrika ein, wo Walter Fabian ab Anfang Januar 1940 in der Fremdenlegion gedient hatte - wie er notierte, mit "Gewehr putzen und Exerzieren", mit "Kartoffel schälen, Kohl waschen, Küche säubern, Geschirr trocknen, Fass rollen, Stufen und Hof fegen" (18.1.1940). Drei Monate in der Militärbibliothek eingesperrt und später zwei Monate als Patient in einem kleinen Krankenhaus festgehalten, verbrachte er viel Zeit mit Lesen und Schreiben.

"Damals entdeckte ich , für mich, den großen französischen Dichter und politischen Kämpfer Victor Hugo". Er las und exzerpierte 18 Bücher von Hugo. Besonders beeindruckte ihn "Napoleon le Petit". Dieses "großartige Pamphlet des Exilanten Victor Hugo gegen den Usurpator Napoleon III. erschien mir von brennender Aktualität - es war geschrieben, als hätte Victor Hugo Hitler gekannt", erinnerte sich Walter Fabian mehr als 40 Jahre danach. Aus der Fremde verfasste er Hunderte an Briefen an seine Frau Ruth und an Freunde (wie z.B. Rudolf Breitscheid, Charles Rosenberg, Paul Frölich, Erwin Ackerknecht, Peter Blachstein). Er notierte am 16. Juni 1940: "Annette 100 Tage alt. Tage-lang ohne Zeitung. Zerfetzte Radionachrichten. Nichts von Ruth. Aber wann kann man schreiben? Jetzt fehlen die Adressen!".

Seit diesen Erfahrungen legte Walter Fabian eine ausführliche Adressenkartei an, die ihm erlaubte, unter den schwierigen Bedingungen des Krieges Kontakte weiter zu pflegen und auszubauen. Seine ständig ergänzten und jährlich erneuerten kleinen Adressbücher sind eine Fundgrube für diejenigen, die nach den Aufenthaltsorten der Linken im Exil suchen. Darüber hinaus führte er ein genaues Verzeichnis der Buch- und Zeitschriftenlektüre, deren Umfang und Intensität erstaunt. Auf über 50 Tages- und Wochenzeitungen konnte der Mitbegründer des "Bureau de documentation" noch 1941 zurückgreifen. Minutiös registrierte er den Eingang von hunderten an Büchern, von denen er viele für den Handelsteil der Baseler National-Zeitung, den Kulturteil des Züricher Tages-Anzeigers oder des Luzerner Tageblatts besprach oder im Auftrag von Friedrich Pollock, Fritz Sternberg, Walter Boesch, August Siemsen und Max Horkheimer zusammenfasste und kommentierte. "Artikel über Marquis de Sade für Horkheimer abgeschrieben", notierte der glückliche Vater am 9. Dezember 1940, nachdem er "Annette gesäubert, gewickelt, gefüttert" hatte, und: "Heute ist Annette neun Monate alt und ich bin zwei Monate frei und mit Ruth und Annette vereint". Am 10. Dezember 1940 teilte ihm der "Americain Lloyd" mit, "dass unsere Reise Lisbonne - New York bezahlt sei. Werden wir je davon Gebrauch machen?"


Fluchtweg Marseille

Am 5. Februar 1941 erhielt Fabian von seinem väterlichen Freund Kurt Rosenfeld aus New York die Nachricht, dass deutsche Emigranten kaum Arbeit in den USA finden würden. Walter Fabian sah sich zum Bleiben gezwungen. Er überlegte, ob er als Ausländer, der französischer Kriegsfreiwilliger war, auf dem Cours Mirabeau in Marseille oder vor der Librairie in Aix-en-Provence Lotterie-Lose verkaufen sollte. Die Familie Fabian überlebte trotz aller Geldsorgen. Ruth, ehemalige Referendarin am Kammergericht Berlin, erteilte Deutschunterricht für französische Schüler. Walter übernahm Auftragsarbeiten für Wehbergs "Friedenwarte", die Schweizer Büchergilde und das New Yorker Institut für Sozialforschung unter der Leitung von Max Horkheimer und Friedrich Pollock. Dazu kamen die Honorare für Zeitungsartikel, vor allem aber die finanziell immer wieder unterbrochene Zahlung für Hilfeleistungen im Rahmen des von Varian Fry gegründeten US-amerikanischen Hilfskomitees zur Rettung gefährdeter politischer Flüchtlinge.

Dem von Quäkern und liberalen Intellektuellen initiierten "Emergency Refugies Rescue Committie", das die französische Polizei auf Anweisung der Gestapo im Sommer 1942 schließen ließ, verdanken zahlreiche gefährdete deutsche Künstler, Schriftsteller, Wissenschaftler und Politiker ihr Leben: Von Ernst Bloch und Alfred Döblin über Max Ernst, Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann, Kurt Wolff, Anna Seghers, Alfred Kantorowicz und André Breton bis zu Victor Serge, Georg Bernhard, Walter Mehring, Franz Werfel, Siegfried Kracauer, Hans Sahl und August Thalheimer. Während Dora Benjamin, die Schwester von Walter Benjamin, der sich nach seinem missglückten Fluchtversuch am 26. September 1940 in Port-Bou an der französisch-spanischen Grenze das Leben nahm, die Tochter der Fabians versorgte, trösteten Ruth und Walter Fabian Toni Breitscheid, nachdem ihr Mann zusammen mit Rudolf Hilferding an die Gestapo ausgeliefert worden war. Trotz aller von den Fabians mit vorbereiteten Rettungsversuche hatten die beiden prominenten Sozialdemokraten den Fluchtweg über Marseille in die USA ausgeschlagen.

Als ehemalige Abgeordnete des Reichstags und Minister blieben sie einem Legalitätsdenken verhaftet, das die Anpassung an die veränderten Verhältnisse erschwerte und ihnen nicht erlaubte, mit Billets der zweiten Klasse die Schiffspassage in die Freiheit anzutreten. Sie hofften immer noch auf eine gute Behandlung durch die Nazis oder auf den Schutz der französischen Regierung. Bei einigen Deutschen erwiesen sich die Versuche, ein Visum für die USA zu erhalten, als äußerst schwierig. Das betraf vor allem Freunde der Fabians aus den Pariser Jahren, die Mitglieder der KPD waren. Dem 1933 aus der Komintern ausgeschlossene Erich Wollenberg, der Anfang 1940 mit Hilfe französischer Offiziere aus dem Lager Le Vernet nach Marokko (Casablanca) geflohen war, verweigerte das US-Konsulat ein Transitvisum für die USA. Durch die Vermittlung von Ruth und Walter Fabian erhielt er Anfang Januar 1941 1.200 Francs vom "Centre Américain de Secours", um wenigstens den Weg in die Freiheit über Mexiko wagen zu können. Vergebens. Ruth schrieb Erich Wollenberg am 26. Oktober 1941:

"Den von Dir verfassten Lebenslauf beim State Department wegen eines Transit- oder anderen Visums einzureichen, ist restlos ausgeschlossen. Bei der momentanen Praxis, die ich aus eigener Arbeit genau kenne, wird jedes Gesuch von sechs verschiedenen Stellen geprüft, und nicht nur die Person des Auszusuchenden wird unter die Lupe genommen, sondern sämtliche Bürgen und die Bürgen der Bürgen, von denen man wieder je zwei braucht. Den Lebenslauf in der von Dir verfassten Form einzureichen, wäre für Dich nicht nur sinnlos, sondern - ohne Dir etwas zu nutzen - für alle anderen Beteiligten schädlich."

Im März 1942 notierte Fabian: "Marseille. Abfahrt von 60 Klienten, u.a. Lamm, Lange, Fraenkel, Souchy". Er selbst lehnte es wiederholt ab, die bereitgestellten Visa zur Flucht in die USA zu nutzen. Nach dem letzten Auftrag von Fry am 25. Juni 1942 diskutierten die Fabians allerdings mit Regina Kaegi über die Möglichkeit einer Einwanderung in die Schweiz. Kaegi-Fuchsmann leitete damals das Schweizer Arbeitshilfswerk. Aus Anlass des 40. Geburtstags am 24. August 1942 notierte Walter in sein Tagebuch, nachdem er den für den 10. Juli angebotenen Schiffsplatz durch die jüdische Hilfsorganisation "Hicem" ausgeschlagen hatte: "Die permanente Anpassung mit krampfhafter Selbstbeherrschung zerrt an allen Nerven. Wie lange kann man so leben? Am größten ist die ständige Angst um Annette." Am 30. September brechen die Notizen ab. "Krank vom hilflosen Dabeistehen" entschließen sich die Fabians zur Flucht in die Schweiz, kurz bevor die Deutschen auch den sogenannten unbesetzten Teil Frankreichs im November 1942 okkupierten.


Exil in der Schweiz: Vom Musikkritiker zum Präsidenten des "Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller in der Schweiz" (SDS)

Nach der Entlassung aus dem Schweizer Internierungslager - einer Fabrik in der Nähe Zürichs - setzen die Notizen am 1. Januar 1943 in der Wohnung der Sekretärin des Schweizer Arbeitshilfswerks, Regina Kaegi-Fuchsmann, wieder ein: "Abends zum ersten Mal im Schweizer Kino." Eine Wohnung in der Plattenstr. 78 wurde am 7. Januar 1943 gemietet. Am selben Abend erlebte er das erste Mal ein Konzert in der Schweiz: "Winterthurer Orchester unter Scherchen mit Einführung und Orchesterbeispielen." Zwei Tage später besuchte er die Museumsgesellschaft ("großartig") und traf auf Maria Becker und Maria Fein vom Züricher Schauspielhaus. Abends ging er mit Regina Kaegi in das Züricher Volkshaus "zu einem sehr geglückten Abend über 'Kunst und Volk' zugunsten des Arbeiterhilfswerks. Mitwirkende: Maria Becker, Therese Giese, Mathilde Banegger und Georg Solti als Pianist".

Ein weiterer Besuch galt der "Kulturgemeinschaft der Emigranten" und dem Dramaturgen des Schauspielhauses, Kurt Hirschfeld. Hier sah er am 10. Februar 1943 Brechts "Der gute Mensch von Sezuan". Diese ersten Besuche und Gespräche begründeten eine neue Tätigkeit, vermittelt vor allem über Walter Boesch, dem Feuilleton-Redakteur des Züricher Tages-Anzeigers, für den und unter dessen Namen (Walti) er eine neue "Karriere" als Musik- und Literatur-Kritiker begann - ohne Arbeitserlaubnis. Die Wiederaufnahme der Kontakte zu älteren Freunden aus der Friedens- und Arbeiterbewegung wie Georg Ledebour, Wilhelm Dittmann, Heinrich Ströbel, Elisabeth Rotten, Anna Siemsen oder Hans Wehberg, die im Schweizer Exil beruflich tätig sein konnten , erleichterte dem Emigranten den Beginn einer regen Vortragstätigkeit in der Schweizer Arbeiterbildungszentrale, den Gewerkschaften und dem "Schutzverband deutscher Schriftsteller in der Schweiz" (SDS). Hinzu kam die Publikationstätigkeit unter dem Pseudonymen Kurt Sachs und Theo Prax.

Die schon in der Fremdenlegion begonnenen Übersetzungen großer französischer Autoren wie Romain Rolland, André Gide, Victor Hugo, Francois Mauriac und André Maurois wurden fortgesetzt. Davon erlangte die deutsche Ausgabe von Eugen Tarles "1812 - Napoleon in Russland" einen relativen Erfolg. Wenige Monate nach dem Ende des NS-Regimes erschien in dem Schweizer Verlag Birkhäuser Fabians Übersetzung von Victor Hugos Jugendwerk "Der letzte Tag eines Verurteilten" - mit einem Vorwort zu Victor Hugos lebenslangem Kampf gegen die Todesstrafe. Auch diese Arbeit musste noch unter einem Pseudonym erscheinen.

Walter Fabians Arbeitsintensität - trotz des offiziellen Arbeitsverbotes für den antifaschistischen Flüchtling -, seine Integrationsfähigkeit und Vermittlungsstärke brachten ihm öffentliche Anerkennung ein. 1945 wurde er zum Vizepräsidenten der "Flüchtlingsvertretung" und zum Präsidenten des "Schutzverbandes deutscher Schriftsteller in der Schweiz" (SDS) gewählt. Der Außenseiter wurde Repräsentant. Seine Kontakte zu Rolf Liebermann, Hermann Scherchen, Hans Mayer, Jo Mihaly, Erwin H. Ackerknecht, später auch zu Thomas und Klaus Mann sowie zu Bertolt Brecht und Bruno Walter ermöglichten den Zusammenschluss der Hitlergegner, die als Europäer und Weltbürger von der Schweiz und den USA aus das "andere Deutschland" vertraten und bei aller Kritik am Stalinismus frühzeitig vor sturem Antikommunismus warnten.

Leider verrät das Tagebuch nicht allzu viel über seine Haltung zu diesen Fragen. Mit Jo Mihaly und Hanns W. Eppelsheimer, dem Direktor der Deutschen Bibliothek in Frankfurt am Main, legte er nach langen Diskussionen im SDS Anfang Juni 1948 in Zürich den Grundstock zu einer "Bibliothek der Emigrationsliteratur". Als Thomas Mann 1947 seine erste Europareise nach dem Krieg antrat und am 25. Juli 1947 in Zürich sprach, fiel Walter Fabian als Präsident des SDS die ehrenvolle Aufgabe zu, den von ihm verehrten und in Deutschland umstrittenen Schriftsteller zu begrüßen. Kurz zuvor hatte Fabian seine Eltern nach zehn Jahren das erste Mal wiedergesehen. Sie hatten das Ghetto von Theresienstadt überlebt und waren durch einen Transport nach Palästina gerettet worden. "Vaters Geburtstag" am 9. Juli 1947 und "Mutters Geburtstag" am 20. Juni 1947 erfahren eine ausführliche Notiz. Der Besuch bei Thomas Mann am 22. Juli 1947 wird dagegen nur beiläufig erwähnt. Am 25. Juli heißt es schlicht: "Vorbereitung. Abends Rede zur Begrüßung von Thomas Mann. Nachher Zusammensein in der Bar".

Die Mutter, Else Fabian, fertigte dagegen ein ausführliches Tagebuch über die Wiederbegegnung mit ihrem Sohn in Paris und Zürich vom 17. Juni bis zum 9. September 1947 an. Zum 25. Juli notiert sie: "Am letzten Abend waren wir im Kongresshaus zu einem Thomas Mann-Abend. Walter hielt die Begrüßungsrede, einen warmen beseelten Vortrag, wie immer in voller Meisterung der Sprache. Thomas Mann fasste seinen Dank in die Note, diese Begrüßung dürfte das Schönste des Abends sein. Und für meinen Begriff hat er recht. Nach einer persönlich-politischen Einleitung, in der er die Gründe angab, aus denen er auf dieser Europareise auf einen Besuch in Deutschland verzichtete, las er lange Kapitel aus seinem im Druck befindenden Musik-Roman (Dr. Faustus) vor." Thomas Mann schrieb dazu in sein Tagebuch: "...ging dann zum Vortrag. Der kleine Saal war überfüllt, viel Stehende. Einführungsrede des Dr. Fabian; Antwortrede von mir. Dann Vorlesung des 1. Echo-Kapitel, über dessen Wirkung ich mir trotz auch beim Weggehen wiederholtem herzlichem Beifall nicht klar wurde. In der Bar des Konzerthauses mit Beidler, Humm, Widmer, Fabian etc. Chokolade und Bier. Ging nach 11 Uhr und berichtete K..."

Geben auch die Tagebücher Fabians einen Einblick in die schwierigen Lebensverhältnisse des Exils, in die Kunst des Überlebens und die Gefahr zunehmender Isolierung, über den Menschen Walter Fabian erfahren wir nur wenig. Nur in einer Lebenskrise öffnete er sich. Die langsame Trennung von seiner zweiten Frau Ruth - "trotz meiner traurigen Liebe zu Annette" - und die Aufnahme einer neuen, äußerst komplizierten, krisenhaften Beziehung zu Charlotte Gries (Carlotta), seiner großen unglücklichen Liebe und dritten Frau, zwangen Walter Fabian 1943/44 zum Nachdenken über sich und zu sehr persönlichen Zeilen. Am 1. März 1944 spricht er in seinem Tagebuch die bis 1947 hinausgezögerte Trennung von Carlotta an und erinnert sich dabei an die Folgen der gescheiterten ersten Ehe mit Dora: "Es gibt überhaupt nur eins: die Arbeit wieder (wie nach 1928!) in den Mittelpunkt meines Lebens zu rücken, nach den Gesichtspunkten der Arbeit die nächsten praktischen Entscheidungen treffen. Diese Gedanken kommen mir bei (jämmerlich gestörter und doch stellenweise ergreifender) Musik: Mozart, Debussy. Sie bleibt die große Trösterin und Helferin. Und daneben Annettes Wort: 'Mais tu peux toujours travailler!'"

Angesichts zunehmender "Erlebnis- und Einfühlungsfähigkeit" notiert er am nächsten Tag: "Es ist auch kein Zufall, dass ich zum ersten Mal meine Gedanken und inneren Erlebnisse aufschreibe." Und dennoch bleibt Fabian auch in seinem Tagebuch einem "Lebensprinzip - seit meiner Schulzeit" treu: "Niemals intime Kenntnisse in die Diskussion werfen. Innere Anständigkeit ist wohl wichtiger als irgend etwas anderes" (2. März 1944). Vergeblich sucht man deshalb in den Tagebüchern nach Lebensbeichten (von der Carlotta-Dramatik abgesehen) oder nach Abrechnungen mit Gegnern und Freunden, die ihn enttäuschten. Nüchtern und kurz werden die Ereignisse notiert und Pläne vorgestellt. Gelegentlich auch "Stichworte" zu einigen "Aktiva in der Bilanz meiner sachlichen Qualitäten: eine gewisse Intelligenz, speziell rasche (wenn auch begrenzte) Auffassungsgabe und die Fähigkeit, wesentliche Gesichtspunkte zu erkennen; einige Erfahrungen und Kenntnisse; ein gewisses Maß an Fleiß, klare logische Sprache und klarer logischer Aufbau; rednerische und pädagogische Begabung; saubere (wenn auch egoistisch beschränkte) Gesinnung, gute Mischung von Realismus und Idealismus, Skepsis und Optimismus" (Tagebuchnotiz, 5. April 1944).


Buchprojekte und die Beratungsstellen für Flüchtlinge

Neben den schon vorgestellten Aktivitäten erwähnen die Tagebücher aus der Exilzeit von 1940-1945 immer wieder Buchprojekte, die Walter Fabian zu realisieren beabsichtigte:

- Eine populäre Geschichte der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung nach dem Motto: "Groß trotz alledem" (dieser Gedanke taucht am 17. Januar 1941 des erste Mal auf und wird immer wieder thematisiert);
- Eine Veröffentlichung zu "Nachkriegsfragen" und "Flüchtlingsfragen" (verstärkt ab 1944);
- Ein Buch über "Frankreichs Beitrag zum neuen Europa";
- Pläne zu einer populären Arbeit über die "Kinderlüge" bzw. die "Erziehung zur Wahrhaftigkeit" - Motto: "Nicht der Lügner, der Betrogene ist schuldig";
- "Eine Figur des einfachen Mannes schaffen, die mit gesundem Menschenverstand zum Zeitgeschehen Stellung nimmt, wahrscheinlich in Gesprächsform" (16. Februar 1944);
- "100 Jahre Kommunistisches Manifest", Paul Levi und Max Adler gewidmet. Diese Idee taucht immer wieder auf und wird 1948 auf mehreren Notizzetteln konkretisiert;
- Eine "Geschichte der modernen Musik", wozu er schon im französischen Exil Material gesammelt hatte.

Neben den Übersetzungsaufträgen verfolgte Fabian ständig den Gedanken, "Beratungsstellen für Auswanderer und Ausländer" aufzubauen. Das erste Mal im Juli 1941 in Marseille - mit dem Ziel, ein gemeinsames Büro mit den Freunden Charles Rosenberg, Erwin Ackerknecht und Paul Frölich einzurichten, um die Arbeit von Varian Fry zu unterstützten und den Leuten aus dem Camp Les Milles zu helfen. "Viele Leute aus dem Camp Les Milles in der Straßenbahn. Unsere Gefühle dabei" - notierte er am 10. Juli 1941 in Marseille. In der Schweiz ging er später als Repräsentant der politischen Flüchtlinge und der verfolgten Intellektuellen dieser Aufgabe nach. Er wurde 1945 zum Vizepräsidenten der "Flüchtlingsvertretung" gewählt. Seinem Tagebuch vertraute er am 8. Oktober 1948 einen Vorsatz an: "Jeden Tag ein Stück übersetzen, jeden Tag einen Brief schreiben, jeden Tag einem Menschen helfen, jeden Tag Freude oder Mut machen."


Deutschland nach Hitler

Als die Deutschen im November 1942 die unbesetzte Zone Frankreichs besetzten, die Fabians vor den Häschern der Gestapo in die Schweiz fliehen mussten und die Nazi-Herrschaft in Europa auf dem Höhepunkt angelangt war, verfasste Walter Fabian "Thesen zum deutschen Faschismus", die er mit der optimistischen Überschrift versah: "Deutschland wird besiegt werden." Schon die erste These bringt diese Gewissheit zum Ausdruck: "Hitlers zentrale Hoffnung, Europa zu beherrschen, nachdem Leningrad und Moskau genommen und die britischen Inseln besiegt wären, ist (selbst wenn sich dies realisierte) eine Illusion". Und er beendet den handschriftlichen Text mit der These: "Hitler kann nicht siegen; das Ziel, das er sich, nachdem einmal der Weg des Eroberers eingeschlagen war, setzen musste, steht in einem zu krassen Missverhältnis zu den gegebenen Kraftpotentialen. Weder die organisatorischen Spitzenleistungen der deutschen Machthaber noch die vielfachen Fehler und Versager ihrer Gegner werden den Ausgang des furchtbaren Gemetzels in Frage stellen: Deutschland wird besiegt werden. Aber was wird dann?"

Unterschiedliche Einschätzungen zu dieser Frage hatten den illegalen Reichsleiter der SAP, der mit einer mindestens zehnjährigen Herrschaft des NS-Systems rechnete, schon 1935 in Gegensatz zu den Parteifreunden in Paris ge-bracht, die nach dem Röhm-Putsch vom baldigen Ende Hitler-Deutschlands ausgingen und die Rolle der Sowjetunion im antifaschistischen Bündnis zu unkritisch beurteilten. Im "Neuen Weg" schrieb Fabian 1937 angesichts der Moskauer Schauprozesse: "Wie scharf man auch die internationale Politik der herrschenden Clique in der Sowjetunion bekämpfen mag, die seit mehr als einem Jahrzehnt Ursache der schwersten Niederlagen der internationalen Revolution geworden ist, so wenig kann man sich der Erkenntnis verschließen, dass jeder Schritt zurück, jede Krise in der Sowjetunion unmittelbar und furchtbar teuer von der internationalen Arbeiterbewegung bezahlt werden. Darum haben die Meldungen aus der Sowjetunion, die sich seit nunmehr fast einem Jahr grausig jagen, für uns eine tragische Bedeutung, darum ist es unmöglich, zu ihnen zu schweigen."

Deshalb blieb der fortan als "Trotzkist" Diffamierte stets zurückhaltend, wenn antifaschistische Bündnisse mit der Sowjetunion oder/und den West-Alliierten geschmiedet werden sollten. Seine Initiativen für ein "anderes" und neues Deutschland zielten zunächst auf die Selbstbefreiung Deutschlands vom Faschismus. In der Besetzung Deutschlands durch die alliierten Siegermächte sah er dagegen eine Beeinträchtigung der Entwicklung eines demokratischen Deutschlands - vor allem was die Rolle der deutschen Arbeiterklasse betraf. Diese sollte sich nach der Kapitulation von 1933 neu konstituieren und das Feld nicht den beiden großen Arbeiterparteien, der SPD und KPD, überlassen, weil diese schon vor 1933 versagt hatten. Fabian plädierte für eine neue revolutionäre Arbeiterpartei und rief zur Selbstüberprüfung auf. Er gehörte zu den Initiatoren der "Selbstverständigungsgruppe", die eine Umgestaltung Deutschlands mit den Besatzungsmächten ablehnten, weil man sich damit pseudosozialistischen oder antisozialistischen Einflüssen aussetzen würde: "Viele Sozialisten starren wie hypnotisiert auf die 'großen Demokratien' und wollen die reaktionäre Wirklichkeit nicht sehen", heißt es im Aufruf "Für eine revolutionäre Partei!", verfasst von der "Selbstverständigungs-Gruppe" im September 1944 . Und weiter: "Auf die Gefahr hin, dass wir einige von Ihnen langweilen und die anderen sich ärgern, wollen wir Sie an das so inhaltsvolle Wort von Marx erinnern: 'Die Befreiung der Arbeiterklasse kann nur das Werk der Arbei-terklasse selbst sein!'"

Hier liegt auch der entscheidende Grund dafür, warum Walter Fabian 1945 nicht nach Deutschland zurückkehrte, obwohl er sich seit Jahren darauf vorbereitet hatte. Mehrfach weigerte er sich, verlockende Angebote aus dem Nachkriegsdeutschland anzunehmen. Am 8. Oktober 1946 schlug er die Offerte des ehemaligen Ministerpräsidenten der Arbeiter-Regierung von Sachsen (1923) und damaligen Oberbürgermeisters von Leipzig, Erich Zeigner, aus, als Chefredakteur der "Leipziger Volkszeitung" in die Sowjetische Besatzungszone zu gehen. Er verwarf aber auch das Angebot der Herausgeber der "Frankfurter Rundschau", die Nachfolge des von den Alliierten aus politischen Gründen entlassenen Emil Carlebach (KPD) als Chefredakteur anzutreten. "Gerold offeriert Chefredakteurposten", notierte er am 18. Oktober 1946.

Auf den Bajonetten der Besatzungsmächte ließ sich für ihn keine Demokratie aufbauen. Seine erste Reise nach Deutschland fand erst am 10. Oktober 1949 statt. Erst 1957 kehrte er dauerhaft als Chefredakteur der "Gewerkschaftlichen Monatshefte" nach Deutschland zurück, ohne zunächst seinen Wohnsitz in der Schweiz aufzugeben. Zuvor hatte Fabian das Angebot des Norddeutschen Rundfunks (NDR) abgelehnt, die Leitung der politischen Redaktion zu übernehmen (16.Januar 1956). Radio Bremen hatte er schon 1951 eine Absage erteilt. Auch war er nicht bereit, die DGB-Schule in Springe/Deister zu leiten (Angebot von Adolf Heidorn am 27. Februar 1959). Aber die Bewerbungen des 55-Jährigen um die Leitung der Volkshochschulen in Kassel (29. Oktober 1956) und Marburg (29. August 1957) blieben erfolglos. Dafür arbeitete er ab 1957 nebenberuflich als pädagogischer Mitarbeiter beim Landesverband der Volkshochschulen Niedersachsens und legte 1962 für die Pädagogische Arbeitsstelle des Deutschen Volkshochschulverbandes eine vergleichende Analyse zu "Grundfragen der Erwachsenenbildung in europäischer Sicht" vor. Regelmäßig referierte Fabian im "Marxistischen Arbeitskreis" von Otto Brenner in Hannover und erinnerte dort am 1. Dezember 1958 an den vergessenen "Dichterphilosophen" und Volkshochschulgründer Theodor Lessing, den die Nazis am 30. August 1933 in Marienbad hatten ermorden lassen.

Immer wieder wurde er seit den fünfziger Jahren von Volkshochschulen, Gewerkschaften und der Bildungsgemeinschaft "Arbeit und Leben" zu Vorträgen eingeladen, besonders häufig in Bremen, Hamburg, Hannover, Nürnberg, Göttingen, Braunschweig und Köln. "Was können wir für einen wahren Weltfrieden tun?" und "Kann der Friede gerettet werden?" lauteten zwei seiner Themen, mit denen er bis zur McCarthy-Ära auch in den "Amerika-Häusern" auftrat. Seine Kritik an der US-Politik in Lateinamerika führte 1954 zum Redeverbot in "Amerika-Häusern".

Als Walter Fabian am 40. Jahrestag des von vielen Deutschen nicht als Befreiung empfundenen 8. Mai 1945 in Nürnberg zu der Frage Stellung nahm, ob Bonn nicht doch Weimar sei, resümierte der inzwischen über achtzigjährige Ehrenpräsident des PEN-Zentrums der BRD, der sich auch von seinem Freund Axel Eggebrecht nicht als "zorniger alter Mann" vereinnahmen ließ: "Zweimal in diesem Jahrhundert erlebte das deutsche Volk das, was man die Stunde Null nennt, zweimal in diesem Jahrhundert hatte das deutsche Volk die Chance, auf den Trümmern eines Systems, das auf der ganzen Linie versagt hatte, eine von Grund auf neue Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung zu errichten, zweimal fehlte uns die Einsicht und die Kraft (...) und die Ausdauer, mit den Trümmern und den Toten auch die Ursache der Katastrophe zu beseitigen, die Schuldigen zu entmachten. ( ..) Wenige Jahre nach der Stunde Null war bereits die Stunde jener 'Realpolitiker' angebrochen, für die der Wiederaufbau einer Wehrmacht und die Zementierung ihrer alten Machtposition (...) und das sture Durchhalten im Kalten Kriege die wichtig-sten Ziele waren."


Ein "Sokrates" mit Trikolore und Roter Fahne

Walter Jens hat Walter Fabian einmal einen "Meister der vorsichtigen Unterweisung" genannt, einen "sozialistischen Sokratiker, Sokrates mit der Trikolore in der Hand". Aber man muss sich ihn auch mit einer Roten Fahne vorstellen können. Denn die Vollendung der bürgerlichen Revolution von 1789 und 1848 und ihre Radikalisierung durch eine sozialistische Umgestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft, das war und blieb stets sein politisches Ziel. Hier folgte Walter Fabian den Vorstellungen von Rosa Luxemburg. Und das war kein Zufall: Zwei ältere und enge politische Freunde Walter Fabians, Paul Levi, der nach seinem Austritt aus der KPD den linken Flügel der SPD prägte, und Kurt Rosenfeld, der mit Max Seydewitz 1931 jüngere Mitstreiter um die "Klassenkampf-Gruppe" wie Walter Fabian, Otto Brenner und Willy Brandt zur SAPD führte, hatten lange mit Rosa Luxemburg zusammengearbeitet.

Sie sahen ihre gemeinsame Aufgabe darin, die Trikolore mit der Roten Fahne zu verbinden. Ebenso hielt Walter Fabian an der Auffassung fest, dass kein Sozialismus ohne Demokratie und keine Demokratie ohne Sozialismus möglich sei. So gesehen war Fabian ein "Luxemburgist". Immer wieder hat er sich kritisch mit dem leninistischen Modell des Sozialismus auseinandergesetzt und den Stalinismus bekämpft. Sozialismus ohne bürgerliche Freiheiten - so seine Überzeugung - kann nur zu einer Entartungsform des Sozialismus führen. Dabei hat er sich auf Rosa Luxemburgs Schrift "Die Russische Revolution" berufen. Es ist für seine politische Biographie zweifelsohne charakteristisch, dass er 1937 - nach seinem "Ausschluss" aus der SAPD und der Übernahme der Leitung der Exil-Gruppe "Neuer Weg" - den Herausgeber der Werke von Rosa Luxemburg und politischen Freund Paul Frölich veranlasste, "Die Russische Revolution" mit bis dahin unterdrückten Passagen neu zu edieren. An dieser von Paul Levi erstmals im November 1921 posthum veröffentlichten Arbeit Rosa Luxemburgs schieden sich die Geister; denn Rosa Luxemburg hatte schon 1918 aus der Gefängniszelle heraus Entartungsformen eines von oben verordneten Sozialismus kritisiert und für eine autonome Gestaltung des Demokratisierungsprozesses von unten plädiert:

"Ohne allgemeine Wahlen, ungehemmte Presse- und Versammlungsfreiheit, freien Meinungskampf erstirbt das Leben in jeder öffentlichen Institution, wird zum Scheinleben, in der die Bürokratie allein das tätige Element bleibt!" Und an den linken Rand dieser Passage schrieb Rosa Luxemburg 1918 nachträglich jene berühmte Bemerkung, welche die Erinnerung an sie bis heute bewahrt: "Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei - mögen sie noch so zahlreich sein - ist keine Freiheit. Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden. Nicht wegen des Fanatismus der 'Gerechtigkeit', sondern weil all das belebende, heilsame und reinigende der politischen Freiheit an diesem Wege hängt und seine Wirkung versagt, wenn die Freiheit zum Privilegium wird".

Unermüdlich trat Walter Fabian auch nach 1945 für diese Prinzipien ein und plädierte für die Errichtung eines vereinigten, demokratischen, sozialistischen Deutschlands - als Kern der vereinigten sozialistischen Staaten von Europa. "Auch ich träume manchmal davon", versicherte er mir am 15. Oktober 1985, "dass es Deutschlands Bestimmung sein möge, den Abgrund zwischen Ost und West zu überbrücken, indem es die sozialistische Wirtschaftsbasis des Ostens mit der politischen Demokratie des Westens verbindet." Für den in langen Perspektiven denkenden Publizisten bedeutete deshalb der Zusammenbruch des "realexistierenden Sozialismus" keinesfalls das Ende seines lebenslangen und beharrlichen Kampfes für den Sozialismus. Es war eher das Ende der Spielart eines von oben verordneten Weges zum Sozialismus, den er nicht besonders schätzte.

"Mit sanfter Beharrlichkeit" replizierte deshalb der zeitlebens scheinbar Ohnmächtige auf die Frage, was er nach seiner lebenslang andauernden und beharrlichen Arbeit für den Sozialismus nach dessen Zusammenbruch zu sagen habe: "Ich habe nie erwartet, dass der Sozialismus im Jahre 1990 oder 1992 sein wird - da habe ich sehr lange Perspektiven."

Sozialismus - das war für Fabian immer auch eine Voraussetzung für Frieden. Vom angemahnten "Kampf gegen den neuen Menschenmord" im "Kulturwillen" von 1. November 1927 bis zum Beitrag "Erziehung zum Frieden" für den WDR-Hörfunk vom 10.März 1979 oder zum Plädoyer "Abrüstung und Frieden haben Vorrang" in der DGB-Programm-Diskussion vom Juni 1980 durchzieht ein roter Faden das Denken und Handeln des entschiedenen Bildungsreformers und Kriegsgegners: die Entschlossenheit, den "Willen zum Frieden in den Menschen zu stärken" und mit der "Erziehung zur Friedensfähigkeit" zugleich die "Erziehung zum Verständnis für den Schwächeren" zu fördern. Für diesen unermüdlichen Einsatz wurde Walter Fabian mit der Carl von Ossietzky-Medaille und dem Orden für "Kulturelle Verdienste" der Volksrepublik Polen ausgezeichnet.


Walter Fabian im Kreis der IG Druck und Papier 1971 in Nürnberg Delegierte des Gewerkschaftstages der IG Druck und Papier 1971 in Nürnberg aus dem Bezirk Köln-Bonn. Von links: Wolfgang Scherhag, Hans Rieschick, Walter Fabian, Karl Nolden, Dieter Blumenberg, Günter Brüss und Franz Kersjes.




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