Jörg Wollenberg:

Walter Fabian - Brückenbauer der Linken

 

Walter Fabian war mein geistiger Mentor, der wie kaum ein anderer vor dem Hintergrund eigener lebensgeschichtlicher Erfahrungen aktuelle Probleme in geschichtlicher Sicht aufzugreifen verstand. Und sein Engagement als entschiedener Bildungsreformer ist mir eine Richtschnur geblieben.

Fabian verkörperte die besten Seiten der bürgerlichen Welt ebenso wie deren sozialistische Gegenwelt. Nach den Kriegen 1918 und 1945 ging es ihm darum, auf der Grundlage emanzipatorischer Traditionen der Volksbildung zu einem Bündnis von Arbeiterbewegung und Volkshochschulen zu kommen. Das baldige Scheitern dieser Bemühungen nach dem Ersten wie dem Zweiten Weltkrieg führte zu Defiziten, die den Weiterbildungseinrichtungen nach wie vor anhaften und ihren Ausdruck in der Enge des Bildungsbegriffs und der Ausklammerung gesellschaftspolitischer Zusammenhänge finden. Walter Fabian folgte nicht der "Neuen Richtung der Volksbildung", die in Weimar auf weltanschauliche Neutralität setzte und die über das pädagogische Prinzip der Arbeitsgemeinschaft zu einer besseren "Volksgemeinschaft" vorzudringen hoffte. Er war mehr jenen Richtungen verpflichtet, die sich vom Prinzip der Parteinahme leiten ließen und die für die Unterdrückten und Unterprivilegierten eintraten.

Geprägt von der "Erkenntnis, dass die marxistische Arbeiterbildung neue Menschen schaffen muss" (Max Adler), fand er sein Betätigungsfeld in sozialistischen und gewerkschaftlichen Heimvolkshochschulen wie Tinz(Gera) oder Bad Dürrenberg. Er kooperierte mit den Anhängern der "Leipziger Richtung der Volksbildung" um Hermann Heller, Gertrud Hermes, Paul Hermberg und Herbert Schaller, die mit Franz Mockrauer, Alfred Mann und Martin H. Baege in Dresden, Breslau und Nürnberg neue Wege in der Arbeiterbildung beschritten. Mit linksstehenden Sozialdemokraten wie Kurt Löwenstein, Fritz Karsen, Anna und August Siemsen, Otto Jenssen, Ernst Fraenkel, Fritz Sternberg, Josef Luitpold Stern, Karl Schröder und Georg Engelbert Graf referierte er im Reichsausschuss für sozialistische Bildungsarbeit der SPD. 1924/25 war er dort als sogenannter Wanderlehrer angestellt. Fabian unterstützte politische Reformbestrebungen, die er in Zeitschriften wie der "Arbeiter-Bildung", der Monatsschrift des Reichsausschusses für sozialistische Bildungsarbeit, der "Sozialistischen Bildung" als Beilage der "Bücherwarte", im "Kulturwillen", dem Mitteilungsblatt des Leipziger Arbeiter-Bildungs-Instituts, oder in der von Paul Levi herausgegebenen "Sozialistischen Politik und Wirtschaft" und im "Klassenkampf" behandelte.

Nach 1945 schrieb er wieder für deutsche Zeitungen, vor allem für die von Freunden aus der Zeit des Exils und des Widerstands herausgegebenen, als erste Lizenzpressen von den Alliierten ins Leben gerufenen Zeitungen wie die Frankfurter Rundschau (Karl Gerold), Weser-Kurier (Irmgard und August Enderle), Nürnberger Nachrichten (Joseph E. Drexel). Nachdem er mehrfach Angebote von Rundfunkanstalten und Tagezeitungen abgelehnt, aber einen erhofften Ruf an eine deutschen Universität nicht erhalten hatte, folgte Fabian dem Wunsch seines politischen Freundes Otto Brenner und übernahm 1957 die Position des Chefredakteurs der "Gewerkschaftlichen Monatshefte", die er zum wichtigsten Diskussionsorgan des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) ausbaute. Hier gewährte er fortschrittlichen Kräften innerhalb der Gewerkschaften und der sie stützenden Intelligenz einen Diskussionsspielraum, den sie - auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges - in anderen Medien öffentlicher Meinungsbildung kaum noch hatten. 1970 wurde Fabian aus diesem Grund nach einem erbittert ausgefochtenen Streit mit dem DGB-Vorsitzenden Heinz-Oskar Vetter auf äußerst rüde Weise entlassen. Danach intensivierte er seine Tätigkeiten in Hilfsorganisationen und als Erwachsenenbildner, als "Oberlehrer", der er einst nach Aufnahme des Studiums werden wollte, in Schulen, Universitäten, Hochschulen, Gewerkschaften und Volkshochschulen. Er schrieb weiter für zahlreiche Zeitungen und für die vor allem in den Funkhäusern beachtete Medienkorrespondenz 'epd/Kirche und Rundfunk'.

Erst Anfang der sechziger Jahre hatte der Emigrant Walter Fabian seine Wohnung in Zürich aufgegeben. Er zog nach Köln. Hier, im achten Stockwerk eines Kölner Hochhauses am Wiener Platz, verbrachte er seine letzten Lebensjahrzehnte, zusammen mit seiner Lebensgefährtin und vierten Frau Anne-Marie. Welche Freude, ihn in seiner "Insel" besuchen zu dürfen und in lange und intensive Gespräche verwickelt zu werden. Hier lagerten auch seine persönlichen Aufzeichnungen, die er nicht zu Lebzeiten der von ihm gegründeten Emigrantenbibliothek, der heutigen Sondersammlung Exilliteratur in der Deutschen Bibliothek in Frankfurt am Main, überlassen wollte. Nach dem Tode von Walter Fabian kamen die in seiner uralten Aktentasche verstauten Tagebuchnotizen und Adressbücher, einschließlich der Familienaufzeichnungen seiner Mutter Else, in die Hände seiner Tochter Annette, die diese wiederum ungeöffnet in der von ihr geleiteten Pariser Buchhandlung "Calligrammes" aufbewahrte. Ich durfte diesen Fund das erste Mal im März 1995 in Paris einsehen und auswerten.


"Aus der Vergangenheit für Gegenwart und Zukunft lernen"

Am 1. Mai 1930 hatte Fabian eine nach wie vor aktuelle Publikation über den "Klassenkampf um Sachsen von 1918-30" vorgelegt. Im Vorwort beschrieb er Sachsen als ein "Experimentierfeld der deutschen Politik. Hier wurde die Probe auf das Exempel der bürgerlichen Demokratie gemacht, an der immer dann Demokraten die Lust verlieren, wenn sie mit den stärkeren Bataillonen der Arbeiterschaft ist". Er betonte die Notwendigkeit, "gerade jetzt aus der Vergangenheit für Gegenwart und Zukunft zu lernen", weil nur "im Geiste solcher Selbstklärung und Selbstbesinnung (...) mit rücksichtsloser Selbstkritik das Geschehen überblickt" und hinreichend aufgearbeitet werden kann, "um die Kraft und das Rüstzeug zu haben, die Zukunft besser zu gestalten". In einem zum 1. Mai 1972 verfassten "Geleitwort - 42 Jahre später" zur Neuauflage von "Klassenkampf um Sachsen" konstatiert Fabian:

"So entschloss ich mich zu dem Abenteuer, endlich selbst noch einmal zu lesen, was ich damals geschrieben hatte, als ich ein Engagierter im Klassenkampf um Sachsen und um die Republik von Weimar war. Und mit Überraschung musste ich feststellen, dass die Parallelen oder doch zumindest die Vergleichsmöglichkeiten zwischen den Ereignissen nach dem Ersten und nach dem Zweiten Weltkrieg erstaunlich groß und für unsere Einsichten fruchtbar sind. Denn bei allen Unterschieden ist den beiden Epochen zweierlei gemeinsam: dass es nach dem Zusammenbruch eines Regimes trotz objektiv revolutionärer Situation nicht zu einer Revolution kam - und dass andererseits auch die angestrebten Reformen in den Ansätzen stecken blieben. Für beides gibt es Gründe und Erklärungen, für die man auf den folgenden 1930 niedergeschriebenen Seiten einige Hinweise finden kann, die wohl auch 1972 noch des Überdenkens wert sind. In jenen zwanziger Jahren hatte sich die sozialdemokratische und gewerkschaftliche Arbeiterbewegung gegen die Revolution und für den Weg der Reformen entschieden. Aber es geschah damals, was wir heute in der Periode der sozial-liberalen Koalition miterleben: die reaktionären und restaurativen Kräfte sind stark und wendig genug, fast jede Reform zu verhindern oder sie nach einem kurzen Anlauf zu stoppen. Und dabei erweist sich der Mangel an Strategie und Taktik als zusätzliche Schwäche der Reformer, heute wie damals. So kann es nicht wundernehmen, dass wir 1972 im Grunde noch immer jene Reformen zu verwirklichen suchten, von denen in dieser Darstellung der zwanziger Jahre die Rede ist: Schulreform, Hochschulreform, Gefängnisreform, Reform des Abtreibungsparagraphen und anderes mehr".

Und er fügte hinzu: Bis 1923 wurde in Sachsen energischer und konsequenter um die Neugestaltung wichtiger Bereiche des gesellschaftlichen Lebens gerungen. Aber gerade gegen diesen Reformversuch richtete sich der unerbittliche Widerstand des Bürgertums wie der restaurativen Kräfte nicht nur in Sachsen. Der Einmarsch der Reichswehr führte am 29. Oktober 1923 zur Absetzung der rechtmäßigen Arbeiterregierung von Sozialdemokraten und Kommunisten unter Leitung von Erich Zeigner. "Damit wurde der Klassenkampf um Sachsen zum Klassenkampf um Deutschland, und das Jahr 1923 trug nicht wenig dazu bei, das Jahr 1933 möglich zu machen." Und vergessen wir nicht zu erwähnen: Elf Tage nach der Absetzung der Arbeiterregierung in Sachsen putschte Adolf Hitler am 9. November 1923 in München gegen die Republik der "Novemberverbrecher", ohne dass die Reichswehr ihn daran hinderte.

Die Sorge, dass sich die gleichen Fehler, Versäumnisse und Schwächen wiederholen könnten, hat Walter Fabian immer wieder veranlasst, Fehler auch in den eigenen Reihen zu kritisieren. In aller Schärfe ging er mit der Sozialdemokratie und den Gewerkschaften ins Gericht, als sie sich auf die Tolerierungs- und Aufrüstungspolitik in Weimar einließen; er brandmarkte ihre Unfähigkeit, die Gefahr des Hitler-Faschismus zu erkennen. Schonungslos kritisierte er als Mitglied und Funktionär der SPD seine Partei, als sie in der Endphase Weimars auf Abgrenzung und nicht auf eine inhaltliche Kooperation mit der Friedensbewegung - z.B. in den Wehrdebatten auf den Parteitagen in Magdeburg und Leipzig - setzte. Obwohl auf kritische Solidarität eingeschworen, ließ sich Fabian nichts abkaufen, wenn es um die Prinzipien von Frieden, Freiheit und sozialer Gerechtigkeit ging. Auch nach 1945 zählten für ihn nicht politische Richtungen, Parteien oder die Geographie, wenn es um die Verteidigung der Menschenrechte ging - ob in der BRD oder in der DDR, in der Türkei oder in Afghanistan, in Nicaragua oder in Südafrika, in Polen, der CSSR oder in den USA, Lateinamerika und in Vietnam.

Das erklärt zugleich sein entschiedenes Engagement für Frieden und Verständigung auf nationaler und internationaler Ebene. So beteiligte Fabian sich an den Auseinandersetzungen um die Remilitarisierung und an der Kampagne "Kampf dem Atomtod" (1958) ebenso wie an den Kämpfen gegen die Notstandsgesetze (1968) und den sogenannten "Nachrüstungsbeschluss" (1982), der die Stationierung atomarer Erstschlagwaffen in der Bundesrepublik vorsah. In seinem Engagement für Frieden und Menschenrechte wurde Fabian 1971 Vorsitzender der Deutsch-Polnischen Gesellschaft in der BRD und 1965 Mitbegründer und Vorsitzender der "Hilfsaktion Vietnam", weil - wie es in einem Selbstzeugnis heißt - er es nicht ertragen konnte, wie Presse, Rundfunk und Fernsehen über die "barbarische Kriegsführung der amerikanischen Generäle und die unsäglichen Leiden der vietnamesischen Frauen und Kinder" hinweggingen. Fabian war auch bereit, wichtige Ehrenämter zu übernehmen, die seinem Anliegen entsprachen - sei es als Ehrenpräsident des PEN (ab 1984), als Bundesvorsitzender der Humanistischen Union (1969-1973), als Mitglied des Deutschen Presserates (1960-1976) oder als langjähriger Vorsitzender der Deutschen Journalisten Union in der IG Druck und Papier (1958-1963), der er früh den Weg zur Mediengewerkschaft ebnete. Stets der Aufklärung verpflichtet, zählte der Chefredakteur der "Gewerkschaftlichen Monatshefte" (1957-1970) zu den Förderern des öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems und eines verfassungskonformen Pressewesens. Aber Walter Fabian war und blieb sein Leben lang auch ein Erwachsenenpädagoge von hohem Rang. Seit den zwanziger Jahren in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit und in Volkshochschulen tätig, übernahm er 1960 einen der ersten Lehraufträge für Erwachsenenbildung in der BRD und wurde 1965 Honorarprofessor am Fachbereich Erziehungswissenschaften der Universität Frankfurt.


"Erziehung zum systematischen und selbständigen Denken"

In einem 1984 gesendeten Rundfunkgespräch mit dem fast gleichaltrigen Zeitgenossen Walter Dirks hat Walter Fabian von sich gesagt, "dass meine politische Arbeit seit mehr als 60 Jahren auf einem Dreiklang basiert: Frieden, Freiheit, soziale Gerechtigkeit. Auf die Reihenfolge kommt es mir jetzt nicht an. Das spezifisch Gewerkschaftliche mag sich aus dem Begriff sozialer Gerechtigkeit ergeben, eine soziale Gerechtigkeit, die errungen, erkämpft und dann bewahrt und weiterentwickelt werden muss. Sie kann erkämpft, bewahrt, entwickelt werden nur im Frieden. Sie würde sofort zerstört werden, wenn der Friede aufhören würde und sie kann und soll nach meiner Auffassung errungen und ausgebaut werden in Freiheit."

Der "Genosse Herr Dr. Fabian" stammte aus einem bürgerlich-jüdischen Elternhaus in Berlin. Der Vater war Innenarchitekt und Musikpädagoge, die hochgebildete Mutter Else, geb. Hosch, prägte früh die literarischen und musischen Neigungen des Sohnes und führte darüber Tagebücher, die Walter in seinem persönlichen Nachlass verwahrte. So kam Walter Fabian erst nach dem Ende seines Studiums - mit einer 1924 in Gießen abgeschlossenen Dissertation über "Das Problem der Autorität bei Friedrich Wilhelm Foerster" - als engagiertes Mitglied der "Deutschen Friedensgesellschaft" und des "Bundes Entschiedener Schulreformer" auf Umwegen und trotz großer Skepsis zur Sozialdemokratie. Deren Führung hatte aus seiner Sicht als Konkursverwalter des Obrigkeitsstaates nach 1918 versagt und notwendige gesellschaftliche Strukturreformen unterlassen. Von Anfang seiner Mitgliedschaft an bewegte sich der Sozialist und Pazifist auf dem unwirtlichen Platz zwischen den beiden großen Stühlen der deutschen Arbeiterbewegung, wie er mir in zahlreichen Gesprächen immer wieder erläuterte, eindrucksvoll filmisch dokumentiert von Elke Suhr.

Gerade erst Mitglied der Partei, kritisierte Fabian den 1923 vorgelegten Programmentwurf der SPD zur Kultur- und Schulpolitik als "wahrhaft kläglich". Auf die "nichtparteigestempelten" Ergebnisse neuer Forschungen aus dem Kreis der entschiedenen Schulreformer glaubte die Partei verzichten zu können. Dafür "verzettelt man sich in Einzelforderungen, die noch dazu höchst anfechtbar sind, wie etwa die nach der einheitlichen Lehrerbildung auf den Hochschulen - wirklich: auf diesen Hochschulen?" Und er beendete seine Kritik mit der Aufforderung: "Wir werden versuchen müssen, sozialistische Kulturpolitik auch gegen unser Programm zu treiben trotz alledem." Als Publizist und Erwachsenenbildner wirkte er vor allem im politischen Umfeld der sächsischen Sozialdemokratie, zunächst als Verlagslektor in Leipzig und als politischer Redakteur der "Chemnitzer Volksstimme", ab 1928 als freier Publizist in Dresden. Hier war er bis zu einem - wegen seiner pazifistischen Opposition in der Panzerkreuzer-Debatte, dem "Weimarer Nachrüstungsbeschluss" - Ende 1930 gegen ihn eingeleiteten Parteiordnungsverfahren, das ihm zugleich ein Redeverbot auferlegte, auf die Einnahmen aus seiner Referententätigkeit in der SPD angewiesen. Schnell avancierte er zum wohl beliebtesten Referenten auf den Veranstaltungen der Jungsozialisten.

"Wähler gewinnen ist wichtig, Sozialdemokraten erziehen ist wichtiger!" Diese von Victor Adler, einem der Gründer der Österreichischen Sozialdemokratie übernommene Parole diente Fabian als Grundpostulat seines Konzeptes der politischen Arbeiterbildung. Die SPD als Gesinnungs- und Weltanschauungs-Gemeinschaft - und nicht als Wahlmaschine - auszubauen, war der Anspruch der von ihm mitgeprägten Parteigliederungen, die der Bildung ihrer Mitglieder einen hohen Stellenwert zumaßen. Prinzipienfestigkeit und Überzeugungskraft sind nach Walter Fabian "Ziele der Erwachsenenbildung", die inhaltlich auf die"Umwandlung des heutigen Klassenstaates in eine bessere, freiere, gerechtere Welt" ausgerichtet sein müssen, schrieb er 1926 in der "Arbeiter-Bildung", der Monatsschrift des Reichsausschusses für sozialistische Bildungsarbeit.

Seine politischen Freunde Arkadij Gurland, Helmut Wagner und August Siemsen warnten mit Blick auf diese Zielsetzung davor, für die sozialdemokratische Erwachsenenbildung die "bürgerlichen Grundsätze" der Volkshochschulen mit ihrem Ideal der "Volksgemeinschaft", der "Programmlosigkeit", der weltanschaulichen Neutralität und den "bunten Speisekarten" zu übernehmen. "Das Volk ist ein von Klassen zerrissener politischer Verband. Deshalb kennt die Gegenwart keine einheitliche, das ganze Volk umfassende Kultur, sondern nur die Kultur des herrschenden Bürgertums als Klassenkultur", lauteten die von Fabian mitgeprägten "Richtlinien für die sozialistische Bildungsarbeit in Sachsen".

Um aber parteigebundene Arbeiterbildung nicht kurzschlüssig der Tagespolitik zu unterwerfen, sondern kritisch-emanzipatorisch zu schärfen, forderte Fabian in Anlehnung an Rosa Luxemburg: "Nicht Denkergebnisse, sondern Denkschulung" müsse für die sozialistische Erwachsenenbildung Priorität haben. Die "Erziehung zum systematischen und selbständigen Denken" hatte schon Rosa Luxemburg für die Berliner Parteischule der Sozialdemokratie gefordert - für Walter Fabian ein Axiom, dem er sich zeitlebens verpflichtet wusste. Ein weiterer Grundsatz war: "Nie heiligt der Zweck schlechte Mittel. Sie bleiben auch schlecht, wenn sie einer guten Sache dienen sollen." Walter Fabian hoffte, diese Grundsätze in der "Arbeiterhochschule" für Sachsen umsetzen zu können. Aber die im Mai 1926 von der sächsischen Landesbildungskonferenz geforderte Einrichtung als Grundlage der selbständigen marxistischen Bildungsarbeit blieb ein Fernziel, trotz des begeistert aufgenommenen Referats von Max Adler, der auf den Erfolg der Wiener "Arbeiterhochschule" verwies.

Fabians Augenmerk galt auch der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit, die nach 1920 nicht nur in Sachsen in der Schulung von Betriebsräten ihre Hauptaufgabe sah, sondern auch den staatlich geförderten Wirtschafts- und Betriebsräteschulen eine bildungspolitische Priorität zumaß. In der Propagierung "wirtschaftsfriedlicher" Vorstellungen in diesen Schulen sah Fabian eine ernste Gefahr für die autonome Arbeiterbewegung. In der "Arbeiter-Bildung", Beilage der Leipziger Volkszeitung vom 21.Juni 1928, kritisierte er deshalb den stellvertretenden Vorsitzenden des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB), Peter Graßmann, der auf dem Dresdner Volkshochschultag 1928 für die weltanschauliche Neutralität der Bildungsarbeit eintrat und dabei auf die Erfolge der Betriebsräteschulen verwies. Fabian forderte dagegen ein Konzept, das Bildung und Schulung als "Objekt und zugleich Instrument des Klassenkampfes" interpretierte.

Eine Möglichkeit, dieser Zielvorstellung nachzugehen, erhielt Fabian mit der Gründung der von Karl Schröder, dem Initiator der SPD-Buchgemeinschaft "Der Bücherkreis", geleiteten Dresdner "Parteischule" von 1928, die auf den Erfahrungen der 1919 eingerichteten Funktionärsschule des Leipziger Arbeiter-Bildungsinstituts (ABI) aufbaute. Für die sozialdemokratischen Jugendorganisationen prägte er zusammen mit Helmut Wagner die "Zentrale Arbeitsgemeinschaft", die ab 1928 auf eine einheitliche Strategie der Jungsozialisten abhob und zweimal im Monat zur anwendungsbezogenen Aufklärungsarbeit einlud. Dieser Kreis gab unter Fabians Schriftleitung die "Sozialistische Information" heraus, ein acht Seiten umfassendes, regelmäßiges Korrespondenzblatt, das die theoretischen Unzulänglichkeiten der SPD-Linken um Max Seydewitz kritisierte und dazu aufforderte, fortschrittliche Beschlüsse lokaler Parteiorganisationen zu unterstützen und die Koalitionspolitik der SPD im Reich abzulehnen. "Es ist eben nicht möglich, über den Abgrund des Klassengegensatzes hinweg gemeinsame Werke zu schaffen", schrieb er in den "Jungsozialistischen Blättern".

Besonders nach dem verschenkten Sieg der SPD bei den Reichstagswahlen vom 20. Mai 1928 und dem Eintritt der SPD in die Große Koalition verschärfte sich seine Kritik an der Tolerierungspolitik der SPD. Nach dem einstimmigen Kabinettsbeschluss vom 10. August 1928 zur maritimen Wiederaufrüstung bemerkte er zu dem nicht nur für SPD-Mitglieder Unfassbaren mit Empörung: "Der Bau des Panzerkreuzers und die Beteiligung von Sozialdemokraten an der Regierung sind miteinander unvereinbar. Die Parole kann nur sein: entweder Verzicht auf den Panzerkreuzer oder Austritt der SPD aus der Reichsregierung." Als Delegierter auf der Reichskonferenz der Jungsozialisten in Hannover wagte er es, dem Hauptredner Friedrich Adler, dem legendären Sekretär der Sozialistischen Internationale, offen entgegenzutreten und auf den Zusammenhang von Reformismus und dem Versagen im Kampf gegen die erneut heraufziehende Kriegsgefahr zu verweisen:

"Gewiss haben die Reformisten, die in den Sozialismus hineinwachsen möchten, alles Interesse an der Friedenserhaltung. Andererseits sind diese aber auch durch ihren Reformismus so fest mit der heutigen kapitalistischen Gesellschaft verbunden und leider in sie so hineingewachsen, dass sie zum größten Teil unbewusst, zum kleinen sogar bewusst Befürworter und Förderer der imperialistischen Tendenzen dieser kapitalistischen Staaten werden und damit nicht der Friedenserhaltung, sondern der materiellen und noch mehr der geistigen Kriegsvorbereitung dienen. Es kann auf dieses Treiben, das nach meiner Meinung von ungeheurer Tragweite ist, hier nicht näher eingegangen werden, aber es wird notwendig sein, dass wir uns in Zukunft viel gründlicher als bisher mit dieser gefährlichen Funktion des Reformismus und speziell der Koalitionspolitik auseinandersetzen."

Die Parteiführung reagierte mit Repression. Nach dem Redeverbot von Ende 1930 folgte im September 1931 der Ausschluss aus der SPD. Fortan gehörte Fabian zu den führenden Köpfen der im Oktober 1931 gegründeten Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP), in dessen Parteivorstand der nicht einmal Dreißigjährige gewählt wurde. Als Chefredakteur der "Sozialistischen Arbeiter-Zeitung" (SAZ) setzte er mit August Enderle, Kurt Rosenfeld, Heinrich Ströbel, Max Seydewitz und anderen ausgestoßenen Vertretern der Linksopposition die Aufklärungsarbeit fort. Im engen Kontakt mit dem linken Gewerkschaftsflügel um Toni Sender und Siegfried Aufhäuser trat er für den Ausbau des Sozialstaats, für mehr Mitbestimmung und die Vergesellschaftung der Schlüsselindustrien ein. Im Auftrag des Bezirks Ostsachsen der SAP, für die er im Juli 1932 auf Platz 1 der Liste 17 für den Reichstag kandidierte, verfasste er eine Broschüre, in der er "für die Überwindung des Faschismus und der imperialistischen Kriegsgefahr, für die Erneuerung der Arbeiterbewegung, für eine lebenswürdige Existenz aller, für den Sieg der proletarischen Revolution" plädierte.

Er warnte auch vor den "Männern der Regierung von Papen", die "Nationalisten der schlimmsten Art" seien und seit Jahren "den deutschen Eroberungskrieg vorbereitet haben." Sozialdemokratischen Führern, die "erklären, dass diese Regierung vielleicht der festeste Schutzwall gegen das größte Übel, eine Hitlerregierung werden könnte", warf er vor: "Immer noch der alte Irrtum, als ob die faschistische Gefahr in Deutschland einzig und allein in der NSDAP verkörpert wäre, während doch in Wirklichkeit die Politik der Papen, Schleicher, von Gayl usw. um nichts weniger verhängnisvoll für die Arbeiterklasse ist!" Deshalb lehnte der innersozialistische Brückenbauer Fabian Querfront- und Volksfront-Bündnisse mit bürgerlichen Parteien ab. "Die einheitliche Aktion der Arbeiterklasse - das ist das Gebot der Stunde", lautete seine Kernaussage in der Wahlkampfschrift von 1932 - trotz des "verhängnisvollen Kurses der beiden großen Arbeiterparteien".

Die Erinnerung an die in Sachsen noch lebendige Zeit von 1923 mit der Gründung der Sozialistischen Arbeiterpartei in Dresden und des Schutzbundes könne helfen, "den Gedanken der überparteilichen Klassenwehr nahezubringen." In der Folgezeit kooperierte Fabian eng mit den oppositionellen Kommunisten von der KPO um Jacob Walcher, August Enderle und Paul Frölich, die bald Mitglieder der SAP wurden. Der Außenseiter verstand sich auch hier als standfester Brückenbauer, der mit zuverlässiger und sachlicher Information überzeugte und sich die Kraft zur eigenen Meinung auch unter schwierigen Bedingungen bewahrte.

Aber war es möglich, mit der SAP eine Brücke zwischen KPD und SPD herzustellen? Immer wieder forderte Walter Fabian dazu auf, eine kämpferische Einheitsfront aller Arbeiterorganisationen gegen die obrigkeitsstaatlichen Notverordnungsdiktaturen der Kabinette Brüning, Papen und Schleicher herzustellen und die stärker werdende Massenbewegung des deutschen Faschismus entschiedener zu bekämpfen. Nur so sei der Umbau der monopolkapitalistischen Ökonomie in eine sozialistische Wirtschaft zu erreichen und die Abfolge sich ständig wiederholender Wirtschaftskrisen zu überwinden. Aber auch dieses Ziel galt es argumentativ zu verfolgen. Gegen "Borniertheit als Prinzip?" lautet ein Grundsatzartikel von ihm, der 1932 in der April-Ausgabe der Sozialistischen Arbeiterzeitung (SAZ) erschien und sich mit Ernst Fischers "Diktatur der Idee" auseinander setzte.

Ernst Fischer, österreichischer Offizierssohn und marxistischer Kulturkritiker, Freund von Elias Canetti und Enst Toller, war als einstiger Freischärler und Sozialdemokrat nach den Wiener Februarkämpfen von 1934 als Emigrant Mitglied der Kommunistischen Partei Österreichs geworden, aus der er 1968 aus Protest gegen die militärische Besetzung der CSSR durch sowjetische Truppen austrat. Noch als Redakteur der sozialdemokratischen "Arbeiter-Zeitung" in Wien hatte sich Fischer für die geistige Selbstaufgabe des Einzelnen im Kampf für eine bessere Welt eingesetzt. Der damalige Vertreter der österreichischen Linksopposition publizierte seine Thesen 1931 in einer viel beachteten Selbstverständigungsschrift zur "Krise der Jugend", auf die Walter Fabian sich in seinem Leitartikel bezog, der das Arbeits- und Lebensprinzip des Pazifisten und unabhängigen Sozialisten noch einmal eindringlich dokumentiert:

"Nein, es ist gerade die welthistorische Leistung des wissenschaftlichen Sozialismus, des Marxismus, mit ganz wenigen, in ihrer Genialität einfachen Grundgedanken tatsächlich alle Erscheinungen des Gesellschaftslebens in ihren Zusammenhängen, in ihrer Ursächlichkeit, in ihrer geschichtlichen Bedingtheit erklärt zu haben. Diese Grundgedanken sind - das lehrt uns jeder Tag neu - heute noch so wahr und aufhellend wie vor achtzig Jahren; sie erfordern allerdings von uns selbständiges Weiterdenken, Weiterforschen - und dazu ist freilich Fanatismus allein kein ausreichendes Fundament. (...) Soll wirklich der Zweifel in der eigenen Brust verfemt werden? Werden wir nicht immer wieder Nächte, Tage, Wochen haben, in denen sich - jawohl! - die bange Frage erhebt, ob wir vielleicht seit zehn oder zwanzig oder dreißig Jahren für ein Phantom kämpfen?
Können, sollen, dürfen wir solche Zweifel im Keim ersticken, durch Fanatismus übertönen - oder wollen wir sie nicht mit all ihrer Bitterkeit, all ihrer Qual bis in den letzten Winkel verfolgen, bis zur letzten Konsequenz durchdenken? Bringen uns nicht gerade diese inne-ren Kämpfe immer wieder denen nahe, die noch nicht an die Sache des Sozialismus glauben und die wir erst zu gewinnen haben? (...) Es ist einfach nicht wahr, dass diejenigen, die auf alles Schöne dieser Welt, auf Musik und Dichtung und bildende Kunst und Theater und was weiß ich Verzicht geleistet haben, nun garantiert die tüchtigsten Kämpfer für den Sozialismus sind. Allzu oft ist das Gegenteil der Fall. Ganz abgesehen einmal davon, dass ein volles Verständnis der Zeit und der Zeitgenossen ohne möglichst intime (natürlich kritische) Kenntnis auch ihres kulturellen Gesichtes gar nicht denkbar ist - wie häufig finden wir in diesen 'bornierten' Politikern, die nur die Politik und keinerlei anderen Lebensinhalt besitzen, jene im Grunde eiskalten Machtmenschen, die in allererster Linie nach persönlicher Macht, persönlichem Einfluss gieren, um irgendwie ihre innere Unruhe und Unzufriedenheit zu übertönen. Sollte dieses so oft zu beobachtende Zusammentreffen von Borniertheit und Machtstreben wirklich nur Zufall sein?"


"Völkerversöhnung durch Friedenserziehung"

Walter Fabians Option für Frieden, soziale Gerechtigkeit und Freiheit war immer auch ein Plädoyer für die Ziele der Friedensbewegung. Das ließ ihn schon als Schüler des Berliner Mommsengymnasiums zum Mitglied von pazifistischen Organisationen und zum Gründer und Vorsitzenden des ersten zentralen Schülerausschusses von Groß-Berlin werden. "Ich war erst 15 Jahre, aber seit einiger Zeit begriff ich die Schrecken des Krieges und ersehnte sein Ende", schrieb er in seinen Erinnerungen "Gelesen unter besonderen Umständen..." : Ein Buch trug entschieden dazu bei, "den Fünfzehnjährigen zum Pazifisten zu prägen, für immer": der Roman "Der Mensch ist gut" von Leonhard Frank, der seit 1915 als Kriegsgegner und Flüchtling in der Schweiz lebte. Fabians erste Veröffentlichung in Berliner Tageszeitungen über die Fortsetzung der kriegsverherrlichenden Sedan-Feiern auch nach dem Ende des Völkermordens 1914-1918 empfanden die uneinsichtigen Anhänger der Wilhelminischen Monarchie als Provokation. Dennoch vermochten sie den Erlass des preußischen Kultusministers nicht zu verhindern, der zum Verbot der Sedan-Feiern am 2.9.1919 führte, wofür der Schüler Fabian mit seiner Initiative den Anstoß gegeben hatte.

Ab 1921 begegnen wir dem Studenten, der in Berlin, Freiburg, Gießen und Leipzig Philosophie, Pädagogik, Psychologie, Geschichte, Wirtschaftsgeographie und Nationalökonomie studierte und der 1924 mit einer Arbeit über den damals noch lebenden großen Repräsentanten des Pazifismus, Friedrich Wilhelm Foerster, in Gießen bei August Messer promovieren sollte, als engagierten Mitstreiter des "Bundes Entschiedener Schulreformer". In dessen Organ - der von Paul Oestreich, Siegfried Kawerau und Martin H. Baege begründeten "Neuen Erziehung. Zeitschrift für entschiedene Schulreform und freiheitliche Schulpolitik" - wurde Fabian häufig als jüngster Referent unter prominenten Wissenschaftlern und Bildungspolitikern erwähnt.

Auf der Herbsttagung des Bundes entschiedener Schulreformer zur "Jugendnot" sprach er z.B. im Oktober 1922 im Rathaus Schöneberg "Zur gegenwärtigen Lage der Deutschen Studentenschaft". Außer ihm kamen u.a. zu Wort Paul Honigsheim, Tami Oelfken, Antonie Pfülf, Franz Hilker, Paul Oestreich, Fritz Klatt, Lydia Stöcker und Siegfried Kawerau. An der "Internationalen Geschichtstagung" des Bundes vom 2. bis 4. Oktober 1924 beteiligte er sich neben Theodor Lessing, Paul Kampfmeyer, Oskar Halecki, Harry Graf Kessler, René Kuczynski, Ludwig Quidde, Hellmut von Gerlach und Heinrich Ströbel. Und wie selbstverständlich redete er auf der Kundgebung, die anlässlich der Geschichtstagung im ehemaligen preußischen Herrenhaus am 3. Oktober 1924 stattfand und auf der er sich für die "Schaffung der Vereinigten Staaten von Europa und den Völkerbund" aussprach . Dass er als führendes Mitglied des "Deutschen Pazifistischen Studentenbundes" die Tagungen der pazifistischen Lehrer und Erzieher im Bunde der entschiedenen Schulreformer unterstützte, versteht sich von selbst.

So trat er schon am 3. Oktober 1921 in der Gemeindehalle Berlin-Lankwitz als Referent bei der Tagung "Völkerversöhnung durch Erziehung" auf, zu der die "Deutsche Friedensgesellschaft" (Ludwig Quidde), die "Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit" (Lydia Stöcker), der "Bund Neues Vaterland" (Harry Graf Keßler), die "Deutsche Liga für Völkerbund" (Elisabeth Rotten), der "Deutsche Landesverband für internationale Erziehung" (Th. Merzbach) und der "Bund Entschiedener Schulreformer" (P. Oestreich) eingeladen hatten. Fabian referierte über "Jugendbewegung und Welterneuerung". Er endete mit der These: "Jugendbewegung und Friedensbewegung - wenn sie zusammengehen, wird sich die Welt erneuern." 1924 zur Sozialdemokratie gestoßen, stärkte er als politischer Redakteur der "Chemnitzer Volksstimme" zusammen mit seiner ersten Frau Dora seit 1924 den pazifistischen Flügel der sozialdemokratischen Linken und repräsentierte mit Heinrich Ströbel, Fritz Küster, Theodor Lessing und Erich Zeigner das radikalpazifistische Potenzial in der "Deutschen Friedensgesellschaft".

Im Vorwort zur Neuauflage des "am Tage nach der Wahl Hindenburgs zum Präsidenten der Republik" (1925) veröffentlichten Buches über die "Kriegsschuldfrage" formulierte Walter Fabian die Maxime, die den unermüdlichen Aufklärer immer wieder antrieb: Konflikten nicht ausweichen, sondern an der Seite der Unterdrückten und Schwachen kämpfen. Dieser Mut konnte schon in den ersten Jahren der Weimarer Republik Verfolgung, möglicherweise Berufsverbot oder gar Mord bedeuten. Dennoch beteiligte sich Fabian an der von Emil Julius Gumbel erarbeiteten Zusammenstellung von Dokumenten zum politischen Mord in den ersten Jahren der Weimarer Republik, und organisierte 1922 noch als Student Solidaritätsaktionen für den inhaftierten Repräsentanten der bayerischen Räterepublik, Ernst Toller.

Er wollte erreichen, dass der im bayerischen Niederschönenfeld einsitzende Dichter für die Premiere seines Stückes "Die Maschinenstürmer" im Großen Schauspielhaus Berlin Urlaub aus dem Gefängnis erhielt. Fabian gewann die Unterstützung u.a. von Käthe Kollwitz, Heinrich und Thomas Mann und Albert Einstein. Aus Rücksicht auf seine Mithäftlinge bat Toller den jungen Studenten, die Aktion zu unterlassen. Dafür organisierte Fabian eine Toller-Feier mit Fritz Kortner, Alfred Kerr, Klaus Pringsheim, Fenner Brockway und seiner späteren Frau Dora Heinemann: Über tausend Teilnehmer folgten der Einladung zur Ernst-Toller-Feier. Der junge Pazifist Walter Fabian engagierte sich auch im Fechenbach-Prozess. Felix Fechenbach, einstiger Sekretär des ermordeten bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner, wurde im Oktober 1922 vom Volksgericht München zu 11 Jahren Zuchthaus wegen vollendeten Landesverrats verurteilt. Fabian beteiligte sich an den Protestveranstaltungen der Deutschen Liga für Menschenrechte gegen das Urteil.

Eine handlungsleitende Einsicht Fabians war, dass die Ächtung der Vorkämpfer des Friedens in der "herrschenden Meinung" der Bildungsschichten strukturelle gesellschaftliche Gründe hatte und eine Wiederholung der Katastrophe von 1914 ohne Gesellschaftsveränderung kaum zu verhindern war. In seinen ersten größeren selbstständigen wissenschaftlichen Arbeiten über den pazifistischen Professor Friedrich Wilhelm Foerster (1924) und über die Kriegsschuldfrage (1925) dokumentierte er, dass die imperiale Kriegspolitik ihren Ursprung in einem gesellschaftlichen Amalgam aus Monopolkapital, Großgrundbesitz und Militär hatte. Gegen die in Deutschland vorherrschende Unschuldsthese wies er akribisch nach, dass vor allem Deutschland treibende Kraft beim Ausbruch des Völkermordens von 1914 gewesen war. Die Aufklärung darüber wurde ihm zu einem zentralen Anliegen. Im Vorwort zur Neuauflage seiner "Kriegsschuldfrage" von 1925 schrieb er: "Damals wurde mir klar, wie wenig ein großer Teil meiner Mitbürger bereit war, aus der doch nur wenige Monate zurückliegenden Vergangenheit zu lernen. Ich wurde sehr nachdenklich und kam zu dem Schluss, dass man sich nicht darauf verlassen durfte, die Menschen würden von selbst zu den richtigen Einsichten kommen."

Um so mehr sah Fabian sich veranlasst, Wahrheiten öffentlich auszusprechen, die allzu gerne verdrängt wurden. Erwähnt sei hierzu das von ihm und Kurt Lenz 1922 herausgegebene Handbuch "Die Friedensbewegung" (Nachdruck 1985 im Bund-Verlag), und nochmals seine Schrift über die "Kriegsschuldfrage", zu der der Hamburger Historiker Fritz Fischer im Nachwort zur Neuauflage meinte: "Dass ein junger, historisch gebildeter und politisch engagierter Publizist eine so fundierte und kritisch überlegte Darstellung der Kriegsschuldfrage schreiben konnte, verdient auch aus der Sicht der (oder von) 60 Jahre später Lebenden und Lesenden eine hohe Anerkennung. Was wäre Deutschland erspart geblieben, hätten damals seine Einsichten ein größeres Echo gefunden. Es ist nicht geschehen. Auch nach der zweiten Katastrophe Deutschlands ist diese Arbeit noch zu leisten, hat doch gerade die gedanklich selbstverantwortliche Nichtbewältigung der ersten die zweite möglich gemacht."

Der historisch gebildete und politisch engagierte Publizist und Gewerkschafter begab sich im Auftrag des "Bundes der Kriegsgegner" noch in ein weiteres, bis heute umstrittenes Problemfeld: die Kontroverse über die angeblich volkserzieherische Funktion der Arbeitsdienstpflicht. Mit Paul Oestreich und Anna Siemsen vom "Bund Entschiedener Schulreformer" sprach er am 3. Juni 1924 in Berlin über "Grundsätzliches gegen die Arbeitsdienstpflicht" und wurde dabei zusätzlich unterstützt von Kurt Hiller. Sie hatten schon im Januar 1924 "jede Zwangsarbeit im Kriege als Ersatz für Waffendienst" abgelehnt. Noch im gleichen Jahr verfasste Fabian im Auftrag der entschiedenen Schulreformer eine Broschüre zur "Arbeitsdienstpflicht". Hier hielt er noch einmal die Ablehnungsgründe fest: Arbeitsdienst bedeute Einschränkung der persönlichen Freiheit, vergrößere die Kriegsgefahr, wirke lohnsenkend und sei ein Angriff auf das Streikrecht. Gegenüber den Arbeitsdienst-Befürwortern legte Fabian besonderen Wert auf die Darstellung der pädagogischen und politischen Folgen der Arbeitsdienstpflicht. Ausgehend von der Überzeugung, dass das Recht jedes Einzelnen auf Selbstbestimmung ein "Urrecht" sei, das kein Staat und keine Volksgemeinschaft antasten dürfe, schreibt Fabian:

"Der mit der Arbeitsdienstpflicht notwendig verbundene Zwang ist mit wahrer Erziehung unvereinbar. Niemals werden auf solchem Wege schöpferische Fähigkeiten geweckt werden. Der in Gesetzen niedergelegte Zwang zu bestimmter Arbeit erzieht nicht Freie, sondern Knechte. Er bevorzugt einseitig körperliche Arbeit gegenüber der geistigen. Arbeit wird Zwangsarbeit, Last, unwillig dargebrachtes Opfer." Und er fügte hinzu: "Wer den Kern des Arbeitspflichtgedankens für berechtigt hält, kämpfe für die einzig wahre Realpolitik, die großzügige Sorge um unsere Jugend. Er verlange für heute Ausbau der Fortbildungs-, Berufs- und Volkshochschulen, weitestgehende Durchführung und Verbesserung des Reichsjugendwohlfahrtsgesetzes, Schaffung von Jugendheimen, Verlängerung des Urlaubs für Lehrlinge und jugendliche Arbeiter - für morgen die elastische Arbeits- und Produktionsschule."

Dieses Plädoyer gegen den Arbeitsdienst stieß auf den Widerstand vieler Pädagogen und der Anhänger der "Neuen Richtung der Volksbildung", die mit Theodor Bäuerle und Heiner Lotze für die Arbeitsdienstpflicht als Erleichterung der "Umsetzung des Willens zum Opfer in die Tat" eintraten. Als die Brüning-Regierung angesichts der Massenarbeitslosigkeit von 1931 die staatlich geförderte Arbeitsdienstpflicht für Jugendliche, den "Freiwilligen Arbeitsdienst" (FAD), einführte, gehörte Walter Fabian zu den linken Repräsentanten der Arbeiterbewegung, die sich im Gegensatz zur Sozialdemokratie und zu den Gewerkschaften dagegen in aller Schärfe aussprachen:

"Statt reguläre Arbeit zu beschaffen, führt die Regierung die Arbeitspflicht ein. Für 40 bis 50 Pfennige Taschengeld pro Tag, ohne Betriebsräte, unter Außerkraftsetzung aller Jugendschutzbestimmungen, ohne allgemeine Regelung der Arbeitszeit müssen die jugendlichen Proletarier zu den schmutzigsten und anstrengendsten Arbeiten zwangsweise herangezogen werden. Nicht mehr nur sogenannte gemeinnützige Arbeiten, sondern auch Arbeiten im direkten Interesse von Privatunternehmern werden nach den neuesten Bestimmungen durch die Arbeitsdienstler ausgeführt werden. Damit würde die Arbeitsdienstarmee zwangsläufig und nach dem Willen der herrschenden Kreise zur Streikbrechergarde größten Stils, sie würde zur gefährlichsten Schmutzkonkurrenz für die übrige Arbeiterschaft."

Für diesen "Dienst" gewannen die Nationalsozialisten schon vor 1933 zahlreiche, meist von der Jugendbewegung und der Reformpädagogik geprägte Lagerführer und Erzieher, die in den 20er Jahren damit befasst gewesen waren, körperliche Arbeit und Gemeinschaftsleben im Lager miteinander zu verbinden. Kein Widerspruch war aus diesen Kreisen zu hören, als Hitlers Beauftragter für den Arbeitsdienst, der ehemalige Generalstabsoffizier Konstantin Hierl, 1934 vom Arbeitsdienst als einer "Erziehungssanstalt" für den Staat sprach und den "Dreischritt Schulpflicht-Arbeitspflicht-Wehrpflicht-Jahr" als Instrument kollektiver Disziplinierung verkündete.

Warum sollten sie auch widersprechen und Bedenken, wie sie Walter Fabian äußerte, folgen? Hatte doch Eduard Spranger, einer der angesehensten Pädagogen und Philosophen der Zeit, im November 1933 das "entschiedene Bekenntnis zur nationalsozialistischen Weltanschauung" unterzeichnet - zusammen mit 529 Professoren, darunter die späteren "Grandseigneure" der bundesdeutschen Philosophie und Pädagogik von Heidegger über Gadamer bis zu Litt und Flitner. Nach den "begeisternden Tagen des März", so Spranger im März 1933 zu den "großen Ereignissen" des "Tages von Potsdam", beginne nun die "geduldige und treue Arbeit im einzelnen. Freiwilliger Arbeitsdienst und Arbeitspflicht, Wehrpflicht des Leibes und Wehrwille des Geistes, Freiheit und Bindung, Wille zur Macht und Achtung vor Recht, irdisches Bauen und Gottesdienst."


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